COSIMA-FILMTHEATER

Sieglindestraße 10
12159 Berlin
U- und S-Bahn Bundesplatz
Tel.: ...
Wir zeigen heute,
Mittwoch, den 24.07.2024:


15:15 Cosima:
Arrow Die Gleichung ihres Lebens

18:00 Cosima:
Arrow Juliette im Frühling

20:30 Cosima:
Arrow SNEAK Preview

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Pfeil Bundesplatz Kino

Es sind die kleinen Dinge

... jetzt auch im Cosima ! wieder am Donnerstag (11.7.) um 15:15 Uhr !

Ein echtes Frühlings-Highlight: Die Komödie um ein Dörfchen in der Bretagne und seine originellen Bewohner ist pures Aufheiterungs- und Wohlfühlkino. Dazu spielt mit Michel Blanc einer der großen Stars der französischen Komikerriege eine der Hauptrollen: einen zauseligen Griesgram mit sehr, sehr kurzer Zündschnur.
Besonders für alle, die an das Gute im Menschen glauben, hat der Film die perfekte Botschaft: Ja, es lohnt sich, ein netter Mensch zu sein. Und die liebenswerte Geschichte wird wahrscheinlich allen Kinogästen ein Lächeln ins Gesicht zaubern.

Les petites victoires
Frankreich 2023
Drehbuch: Michaël Souhaité, Mélanie Auffret
Regie: Mélanie Auffret
mit: Michel Blanc, Julia Piaton, Lionel Abelanski, Marie Bunel
Kamera: Laurent Dailland
Musik: Julien Glabs
Länge: 92 Minuten

FILMKRITIK:
Michel Blanc ist so etwas wie ein Spezialist für schlechtgelaunte Zeitgenossen. Er wurde mit "Abendanzug" (1986) an der Seite von Gerard Depardieu und Miou-Miou weltberühmt, sein letzter Film – "Ein Doktor auf Bestellung" (2019) kam leider nicht in die deutschen Kinos. Er spielt Émile, einen weithin bekannten Querulanten, der allzu gern Leute beleidigt und sich mit jedem anlegt. Zur allgemeinen Verblüffung will er ab sofort zusammen mit den Kindern in der Dorfschule Lesen und Schreiben lernen. Bis jetzt konnte er sich überall durchwurschteln, weil sein Bruder ihm geholfen hat, aber seit der Bruder gestorben ist, hat Émile echte Probleme, seinen Alltag zu bewältigen.

Michel Blanc ist in diesem an Höhepunkten und Gags so reich bedachten Film mit seinem herausragenden komischen Talent als Unsympath, der vielleicht doch irgendwo ein bisschen Herz hat, das Highlight. Dabei geht es eigentlich nicht hauptsächlich, sondern nur am Rande um Émile. Im Mittelpunkt steht das ganze kleine, verschlafene Dörfchen Kerguen in der Bretagne sowie die Menschen, die dort leben. Es sind nicht mehr viele, aber die Bürgermeisterin Alice (Julia Piaton) kümmert sich buchstäblich Tag und Nacht um jeden von ihnen. Sie hat stets ein offenes Ohr für alle und für alle ihre Sorgen, Nöte und Fragen. Notfalls repariert sie auch mal ein Schlagloch. Sie tut alles, um ganz Kerguen bei Laune zu halten und zu verhindern, dass noch mehr Leute abwandern. Und da sind wir schon beim Hauptproblem von Kerguen, wo es nicht mal mehr eine Bar oder ein Bistro gibt. Alice nimmt sogar ein Video auf, um im Internet Werbung dafür zu machen, dass jemand endlich wieder den Bäckerladen samt dazugehöriger Wohnung übernimmt. Alice ist aber eigentlich nur nebenbei Bürgermeisterin, im Hauptberuf ist sie Lehrerin, und zwar die einzige in der Dorfschule, die von lediglich 10 Kindern besucht wird – plus Èmile, der Alice das Leben zusätzlich schwermacht. Sie muss ihr gesamtes diplomatisches Geschick einsetzen, um bei Émile, den Kindern und ihren Eltern für Ruhe zu sorgen. Das ist gar nicht so einfach, wenn man so lieb und freundlich ist wie Alice und es allen rechtmachen will. Als eines Tages der Schulinspektor vor der Tür steht, um zu entscheiden, ob die Schule in Kerguen weiter geöffnet bleiben darf, stehen alle Zeichen auf Alarm.

Mélanie Auffret hat für ihren leichten, liebevoll konstruierten Film wunderbare Darstellerinnen und Darsteller gefunden. Scheinbar mühelos hält sie die vielen unterschiedlichen Charaktere zusammen, die alle eine eigene kleine Geschichte haben. Dabei regiert überall in Kerguen der alltägliche Wahnsinn. Es gibt viel Situationskomik und jede Menge kleine und größere Gags, darunter ein niedliches Häschen, das Mbappé heißt. Julia Piaton ("Monsieur Claude und seine Töchter") als Alice steht dabei eigentlich, aber letztlich nur theoretisch im Mittelpunkt der Handlung. Mit ihrer wehenden blonden Lockenpracht und ihrer immer ein wenig distanzierten, zupackenden und dennoch freundlichen Art erinnert sie manchmal an die junge Glenn Close. Émile und das ganze idyllische Dörfchen Kerguen lassen jedoch Alice in den Hintergrund rücken. Das liegt nicht an Julia Piatons Schauspielkünsten – sie verkörpert die Alice mit ungeheurem Schwung und mit so viel Herzenswärme, dass man ihr problemlos das 24/7 arbeitende Multitalent abnimmt. Aber vielleicht ist sie vor allem deshalb so aktiv, weil sie lieber keine Zeit hat, um über sich selbst nachzudenken? Von Privatleben kann bei ihr jedenfalls kaum die Rede sein. Aber da sie sich offenbar selbst nicht allzu wichtig nimmt und sich ständig für andere aufopfert, spielt sie möglicherweise ganz gerne die zweite Geige – nach Émile, der den Film quasi von ihr übernimmt. Zusätzlich zu einer humorvollen Handlung mit ein paar rührenden, aber nicht kitschigen Szenen gibt es aber auch immer wieder unerwartete Wendungen, die drollig oder niedlich sind und dem Film zusätzlich eine geballte Ladung Herzenswärme mitgeben. Wohlfühlkino à la bonheur.

Gaby Sikorski (programmkino.de)